06. Mai 2019

Multikulturelles Zusammenleben

Artikel erschienen in: Neuköllner Stachel, Bündnis 90/Die Grünen Neukölln | Nr. 186, Ausgabe I/2019, S.5

Neukölln hat sich in den letzten sechs bis sieben Jahren gravierend verändert. Nach vielen Jahren, in denen Wohnungen und Läden leer standen und die Menschen versuch-ten, wegzuziehen, erfährt der Bezirk enormen Zuzug. Viele der Neuan-kömmlinge sind EU-Bürger*innen.

VOM „GESCHEITERTEN“ NEUKÖLLN ...

Als ich selbst Anfang der 90er Jah-re nach Neukölln zog, litt der Bezirk sehr unter den Folgen der Wende: Mit einem Mal verschwanden die Arbeitsplätze für Menschen ohne anerkannte Qualifikation und ohne ausreichende Deutschkenntnisse. In der Karl-Marx-Straße vermieteten Hausbesitzer*innen lieber an Läden, die billige Produkte aus dem Karton an die aus dem Süden in die Stadt fahrenden Brandenburger*innen ver-kauften. Viele wurden arbeitslos. Dann kam ein Bürgermeister, der damit von sich reden machte, den eigenen Bezirk für „gescheitert“ zu erklären – etwa mit einem Jobcenter, das die Mittel für Fortbildungsmaß-nahmen nicht abrief, weil die Bürger*innen Neuköllns dies nicht wert seien.

... DANK MULTIKULTURELLEM ZIVILGESELLSCHAFTLICHEM ENGAGEMENT ...

Dennoch habe ich immer gerne hier gelebt, denn wir verbündeten uns und packten die Herausforderungen gemeinsam an. Es gibt viele gemeinnützige Projekte in Neukölln, die über die letzten Jahre auch gro-ße Probleme lösten: Etwa den To Spiti e.V. mit seiner Beratung für Menschen aus Griechenland und anderen Ländern. Der Verein grün-dete den ersten interkulturellen Garten in Neukölln, eine Oase, in der Senior*innen aus Griechenland und der Türkei gemeinsam arbeiten und ihren Enkel*innen das Gärt-nern beibringen. Oder das Tamili-sche Kulturzentrum, das im damals völlig heruntergekommenen Roll-berg-Viertel das Quartiersmanage-ment mit aufbaute und seit einigen Jahren in der Hasenheide einen Hindu-Tempel errichtet, der zugleich ein Ort für Geflüchtete werden soll. Ebenso wichtig ist das Arabische Kulturzentrum, das gemeinsam mit den Tamilen im Rollberg-Kiez für gute Nachbarschaft sorgte. Beson-dere Erwähnung gebührt auch dem Verein Aufbruch Neukölln mit senem Vorsitzenden Kazim Erdogan, der sich bis heute energisch gegen die Diskriminierung von Menschen als „bildungsfern“ einsetzt. Oder dem Polnischen Bildungsverein und vielen, vielen mehr. Sie alle haben den Bezirk zusammengehalten und vorangebracht.

... ZUM EINWANDERUNGS- BEZIRK MIT VORBILDFUNKTION

Was ich mir wünsche, ist ein produk-tives Zusammenwachsen der Neu-ankömmlinge und der alten Hasen. Dafür sind vor allem der Kampf ge-gen Verdrängung und Möglichkeiten, sich gegenseitig kennenzulernen, wichtig. Die aktive multikulturel-le Zivilgesellschaft ist der größte Reichtum Neuköllns. Sie macht den Einwanderungsbezirk – trotz Armut, Feinstaubbelastung und Kitamangel – zu einem Modell, das zeigt, wie es gehen kann.

Susanna Kahlefeld

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