16. August 2017

Neuköllner Kraft für den Bund

Autor: Jérôme Lombard / erschienen am 16.08.2017 auf Neues Deutschland

Das ist ihr Kiez: Die Karl-Marx-Straße, das alte Rixdorf, das Tempelhofer Feld. Hier ist Susanna Kahlefeld seit über 20 Jahren zu Hause. »Den Norden Neuköllns kenne ich wie meine Westentasche«, sagt die 53-Jährige mit einem Schmunzeln.

Als sie 1997 aus ihrer Heimat Baden-Württemberg für ihr Philosophiestudium nach Berlin kam, war es purer Zufall, dass sie ausgerechnet in Neukölln eine passende Wohnung gefunden hatte. Heute will sie gar nicht mehr woandershin. Die freundliche Frau mit den kurzen grauen Haaren sagt von sich selber: »Ich bin überzeugte Neuköllnerin.« Der Bezirk gefalle ihr so gut, weil er überaus vielfältig und bunt sei. »Ich lebe einfach sehr gerne hier.«

Politisch interessiert sei sie schon als Jugendliche gewesen. Doch erst als sie nach Neukölln zog, fiel der Entschluss, bei den Grünen mitzumachen. »Das ökologische und soziale Profil der Grünen war für meinen Parteieintritt entscheidend«, sagt sie. Kahlefeld engagiert sich in ihrem Bezirk in Kultur- und Bildungsprojekten, ist in Bündnissen gegen rechts aktiv. Lange Zeit hat sie als Bürgerdeputierte in der Bezirksverordnetenversammlung mitgearbeitet. »Politik ist vor allem Basisarbeit. Man muss den Menschen zuhören. Sie wissen am besten, wo der Schuh drückt«, ist Kahlefeld überzeugt.

2011 und 2016 wurde sie bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus in ihrem Neuköllner Wahlkreis 2 jeweils direkt gewählt. In ihrer Arbeit im Landesparlament hat sie sich besonders für die Themen Integration, Bürgerbeteiligung und Religionspolitik starkgemacht. Die Grünen-Politikerin weiß um die Probleme und Herausforderungen, vor denen Neukölln steht: Hohe Arbeitslosigkeit, Integration von Zugewanderten, Gentrifizierung.

Es sind diese Themen, die Kahlefeld zukünftig als Bundestagsabgeordnete angehen will. Bei den Wahlen zum Bundestag am 24. September tritt Kahlefeld zum ersten Mal als Direktkandidatin der Grünen für Neukölln an. »Neukölln ist nicht nur ein kultureller, sondern auch ein politischer Schmelztiegel. Auf kleinem Raum ballen sich hier Probleme, die es in ähnlicher Form auch in anderen Großstädten Deutschlands und Europas gibt«, sagt Kahlefeld.

Der Wechsel aus Berlin in den Bundestag sei für sie kein persönlicher Karrieresprung: »Das eine ist so gut wie das andere.« Die Bekämpfung von Kinderarmut und die Regelung von Zuwanderung mittels eines Einwanderungsgesetzes seien aber für sie entscheidende politische Forderungen, die sich nur auf Bundesebene durchsetzen ließen.

Falls sie in den Bundestag gewählt werde, wolle sie sich auch dafür einsetzen, dass Neukölln von seinem Negativimage wegkommt. Die Vorurteile, mit denen sie immer wieder konfrontiert wird, nerven Kahlefeld. »Ja, es gibt in Neukölln viele Probleme. Aber es gibt auch eine Menge engagierter Menschen, die sich für ihren Bezirk einsetzen«, sagt sie.

Kahlefeld kommt auf das Thema »No-go-Area« zu sprechen. Vertreter der jüdischen Gemeinde hatten immer wieder davor gewarnt, sich angesichts des unter arabisch- und türkischstämmigen Migranten grassierenden Antisemitismus offen als Juden in Neukölln zu erkennen zu geben. »Wir müssen die Sorgen der jüdischen Gemeinde ernst nehmen. Der Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen ist nicht wegzudiskutieren«, sagt die Grünen-Politikerin. Ein wirksames Gegenmittel gegen Diskriminierung sei die interkulturelle Begegnung. Dass sich in Neukölln Initiativen wie die Gruppe »Salaam-Schalom« gegründet haben, die sich für ein friedliches Miteinander von Juden und Muslimen und gegen Antisemitismus einsetzen, sei daher genau der richtige Ansatz.

Kahlefeld kämpft mit zwei weiteren aussichtsreichen Kandidaten um das Direktmandat. Ihre politischen Konkurrenten sind: Fritz Felgentreu von der SPD, der bei der Bundestagswahl 2013 direkt gewählt wurde, und die CDU-Bundestagsabgeordnete Christina Schwarzer.

»Ich mache es besser als die anderen«, sagt Kahlefeld selbstbewusst. Während jene nur Symptome bekämpfen würden, gehe es ihr darum, die Probleme an der Wurzel anzupacken.

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