01. Juni 2015

Rede zum Antrag: Stadtteilmütter – ein Weg in gesicherte Beschäftigung I: Begleitung auf dem Weg zur Qualifikation für den ersten Arbeitsmarkt

Zum Antrag: Stadtteilmütter – ein Weg in gesicherte Beschäftigung I - Begleitung auf dem Weg zur Qualifikation für den 1. Arbeitsmarkt

Meine Rede im Abgeordnetenhaus am 28. Mai 2015

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Stadtteilmütter und Integrationslotsen sind das sicher bekannteste Projekt in Berlin. Auch wer sich sonst nicht mit Integrationspolitik befasst, meint, es zu kennen und findet es gut. Das ideale Projekt also, um es von Senatsseite zu kopieren und damit am Medienhyp teilzuhaben.

Die Senatorin hat nun eigene Kiezmütter. Seit dem 1. Oktober 2013 kann sie 69 Lotsinnen und Lotsen ihr eigen nennen. Es gibt Tarifverträge und – endlich – eine Qualitätssicherung. Am 14. Februar 2014 verkündet die für Integration zuständige Senatorin im „Tagesspiegel“, wie wichtig ihr das Projekt sei und dass es bisher keine Qualitätssicherung gegeben habe. Übrigens, die Stadtteilmütter in Kreuzberg wurden durch die Berlin School of Public Health evaluiert und für sehr gut befunden. Die Charlottenburger Stadtteilmütter erhielten 2014 den bezirklichen Integrationspreis. Danke, werden sich da die Bezirke und die Träger gesagt haben, die seit über seit zehn Jahren Stadtteilmütter und Integrationslotsinnen ausbilden und finanziert haben. Danke für die Ignoranz gegenüber den entwickelten Ausbildungscurricula, danke für die Nichtanerkennung der jahrelangen Weiterentwicklung des Projekts mit über 400 Frauen allein in Neukölln. Das ist kein guter Stil, Frau Senatorin! Auch wenn Sie nicht da sind, Sie werden trotzdem erfahren, dass ich das hier gesagt habe.

Aber so ein Neuanfang kann ja auch Chancen mit sich bringen, dachten wir. Dann mussten in Neukölln 2014 erst einmal 60 Frauen gehen. In Mitte standen die Kiezmütter vor dem Aus. Die Briefe an die Integrationsverwaltung und die Senatorin liegen mir vor. Unterstützung gab es nicht, die Bezirke mussten sich selbst helfen. Wo war der Senat? – Er hat bei all dem keine oder eine sehr traurige Rolle gespielt. Warum gibt es keine Unterstützung für die bewährte Arbeit in den Bezirken? Die soll ja nicht verstetigt, sondern es soll ein Landesprogramm fortgeschrieben werden. Also gut, was macht das Landesprogramm? Ausbildungsmodule konnten aus den Bezirken übernommen werden, die sind nach zehn Jahren weitgehend optimiert. In den Bezirken weiß man auch, dass es einen Unterschied zwischen Kiezmüttern und Integrationslotsen gibt. Die einen helfen bei den Kontakten zu den Familien, vermitteln zu den Regeldiensten, kümmern sich um Elterncafés in den Schulen und geben bei Hausbesuchen das Wissen über kindliche Entwicklung, gesunde Ernährung, Schulsystem und neun weitere Themen weiter. Die anderen, die Lotsinnen und Lotsen, begleiten zu Ämtern, in die Schulen und zu Ärzten, helfen beim Ausfüllen von Formularen und beraten ihre Klientinnen hinsichtlich der Strukturen und Angebote bei der Arbeitssuche. Die Lotsen für Flüchtlinge machen diese Arbeit mit einem spezifischen Fokus auf die Situation von Menschen, die noch nicht als Flüchtlinge anerkannt sind oder nach der Anerkennung die ersten Schritte tun.

Ob man beim Senat weiß, was die Kiezmütter und Integrationslotsinnen an unterschiedlichen Voraussetzungen mitbringen und welche unterschiedliche Arbeit sie leisten, würde ich nach all dem, was ich schriftlich in Händen halte, stark bezweifeln. Das ist schlecht in Bezug auf die Aussicht dieser engagierten Frauen und Männer, jemals auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Bisher kommen die Kiezmütter und Integrationslotsinnen nach ihrer Tätigkeit dem ersten Arbeitsmarkt keinen Schritt näher, da sie bei ihrer Tätigkeit zwar vielfältige Kompetenzen erwerben, aber leider keine am Arbeitsmarkt verwendbare formalen Qualifikationen.

Deshalb haben wir diesen Antrag eingebracht. Lassen Sie uns im Ausschuss über die Möglichkeiten diskutieren, den Kiezmüttern und Integrationslotsen eine Perspektive zu bieten, nach der begrenzten Zeit im Projekt auch persönlich weiterzukommen. Viele haben Qualifikationen, auf die sich aufbauen ließe, viele müssen sich Basisqualifikationen erst erwerben, aber sie alle sind mehr als ein PR-Gag im Integrationszirkus. Deshalb brauchen sie einen individuellen Stufenplan, um ihre individuellen Berufswünsche zu erreichen. All das ist in einer Vereinbarung festzulegen, und so sieht wirkliche  Förderung aus.

– Vielen Dank!

 

 

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