17. Februar 2015

Rede zur Diskussion um die Erhebung des 500. Reformationstages 2017 zum einmaligen gesetzlichen Feiertag

Meine Rede im Abgeordnetenhaus am 29. Januar 2015 (Videomitschnitt des rbb)

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!

Der Reformationstag ist seit der Wiedervereinigung ein gesetzlicher Feiertag in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In diesem Antrag geht es jetzt darum, einmalig im Jahr 2017 den 31. Oktober auch in Berlin zum Feiertag zu erklären.

Warum war den Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR der Tag des Thesenanschlags so wichtig, dass er in all diesen Bundesländern zum Feiertag erklärt wurde? Was bedeutet der Thesenanschlag – gleichgültig, ob er historisch so geschehen ist oder erfunden wurde, um etwas zu verbildlichen, was Epoche gemacht hat? Wir haben ja mittlerweile alle gelernt, was ein Narrativ ist. Der Thesenanschlag ist so etwas. Luther geht in die Öffentlichkeit, um seine kritischen Thesen diskutieren zu lassen, und das ist der Punkt. Er traut sich, er geht raus, er nimmt das persönliche Risiko auf sich, ohne autorisiert zu sein, und stößt die Debatte an. Genau das tut er auch, wenn er auf Deutsch publiziert. Deshalb werden später die Reden veröffentlicht, die er an seinem Tisch beim Essen mit Gästen gehalten hat. Seine Übersetzung machte die Bibel allen zugänglich, die lesen konnten. Und auch wenn er für die Bauernaufstände nicht verantwortlich gemacht werden wollte, so hat er den Aufständischen doch mit der deutschen Bibel einen Text geliefert, auf den sie sich berufen haben.

Luther war damals nicht der einzige. Damals ging es los mit Flugblättern, Zeitungen und politischen Karikaturen. Es entstand damit das, was wir heute Öffentlichkeit nennen. Die Deutungshoheit der religiösen und politischen Autoritäten wird infrage gestellt, weil viel mehr Menschen mitreden können und das auch tun. Die Karikaturen spielen dabei eine große Rolle: immer wieder der Papst, so zum Beispiel auf seinen Thron mit Tiara und langen Eselsohren. Das sind Holzdrucke, schnell und billig hergestellt und einfach verteilt. Man kann sie sich heute im Internet ansehen.

Es geht um die Freiheit des Wortes undum die Emanzipation des Individuums. Luther bricht mit dem Prozess der Reformation das Monopol der römischen Kirche und legt somit den Grundstein für religiöse Freiheit und Vielfalt. Er hat das vielleicht nicht so gewollt, aber die Reformation ist ein entscheidender Faktor für die heutige Glaubens- und Bekenntnisfreiheit. Dafür steht der berühmte Satz vor dem Wormser Reichstag: Hier stehe ich ... usw. Sie kennen das. Dass es mit der Pressefreiheit in Deutschland dann noch lange gedauert hat, wissen wir alle. Danach haben noch viele in den deutschen Ländern in Gefängnissen gesessen oder mussten im Exil leben.

Innerreligiös geht es noch um etwas anderes. Luther kritisiert mit dem Ablasshandel eine Kirche, die sich anmaßt, die Gnade und Vergebung Gottes verkaufen zu können. Luther hat den Menschen klargemacht, dass sie nicht reich sein müssen, um sich mit Ablassscheinen Eintrittskarten in den Himmel kaufen zu können. Auch von denen, die glauben, dass Religion sinnlos ist, kann man erwarten zu verstehen, dass das eine Emanzipation des Einzelnen bedeutet, die historisch nicht rückgängig zu machen war und aus der viele die Kraft zu politischem Widerstand und Mut gezogen haben.

[Beifall bei den GRÜNEN]

Die Reformation ist ein großer Schritt in der europäischen Aufklärung–egal, wie man persönlich zu Religion steht. Ich verstehe die Freundinnen und Freunde aus den ostdeutschen Ländern, dass sie das feiern wollen. Aber zur Freiheit des Wortes und dem Respekt vor der persönlichen Einstellung gehört es auch, dass wir in unserer Fraktion in religiösen Fragen keine Mehrheitsbeschlüsse fassen. Wir diskutieren den Antrag jetzt mit Ihnen im Innenausschuss.

Vielen Dank!

[Beifall bei den GRÜNEN–Beifall von Wolfgang Brauer (LINKE)]

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