Veranstaltungsbericht des Fachgesprächs mit der malischen Aktivistin Fatouma Touré

Thema: Die Rolle der Frauen im malischen Friedensprozess




Seit Jahren ist die Sahel Zone von bewaffneten Konflikten, Terror und organisierter Kriminalität geprägt. Die Stadt Gao im Nordosten von Mali ist davon besonders stark betroffen. Sie wurde im Juni 2012 von Islamisten besetzt und zur Hauptstadt des nicht anerkannten Staates Azawad erklärt. Frauen mussten Vollverschleierung tragen, Mädchen wurden in Zwangsehen gedrängt.  Anfang 2013 wurde die Stadt von malischen und französischen Truppen befreit, die Region leidet jedoch auch weiterhin unter anhaltenden Konflikten und Terror. 2013 wurde in Gao  unter deutscher Beteiligung ein Führungsstab der operierenden internationalen Friedensmission MINUSMA eingerichtet.

Fatouma Touré ist eine Frauenrechts- und Friedensaktivistin aus Gao, die sich, auch während der Besetzung, massiv gegen die Unterdrückung der Frauen und für eine bessere Gesundheitsversorgung einsetzt. Auch in der Friedensbewegung ist sie aktiv.

In unserem Fachgespräch berichtete Frau Touré zunächst von der derzeitigen Situation in Gao. Es gebe eine Vielzahl von Herausforderungen, die alle dringend angegangen werden müssen. Seit der Besetzung habe die Anzahl von Kinderehen in der Region massiv zugenommen, Mädchen von teilweise erst elf Jahren werden zwangsverheiratet und bekommen Kinder. Da so junge Mädchen dem Geburtsprozess rein körperlich nicht gewachsen sind, treten in der Region sehr viele Fälle von Geburtsfisteln auf. Diese führen zu einem Absterben des Gewebes zwischen Vagina und Darm oder Vagina und Blase und verursachen unbehandelt schwerwiegende gesundheitliche Folgen.  Die Mädchen müssen die Krankheit meist geheim halten, da sie bei sonst von ihrem Ehemann und der Familie verstoßen werden. Somit ist die erste große Herausforderung der helfenden Frauen, die Betroffenen ausfindig zu machen und sie dazu zu bringen,  Hilfe in Anspruch zu nehmen. Weiterhin gebe es in der Region weder ausreichend Medikamente noch Ärzt*innen, die in der Lage sind, die Krankheit zu behandeln. Seit der Besetzung habe sich die Zahl der zur Verfügung stehenden Ärzt*innen dramatisch verringert.

Die Frauengruppe geht die vielen Herausforderungen in kleinen Schritten an, so bietet das rote Kreuz nun Unterstützung bei der Beschaffung der nötigen Medikamente. Gemeinsam mit ihren ca 25 Mitstreiterinnen organisiere Sie Kampagnen, um junge Mädchen für die Krankheit zu sensibilisieren. Vom Staat werden Sie  nicht unterstützt, und auch die internationale Friedensmission Minusma hilft nur vereinzelt, da sie die Beziehung zur malischen Regierung nicht gefährden möchte.

Durch die Entwicklungen der letzten Jahre sei die Militärpräsenz in der Region enorm, besonders in Gao. Neben den internationalen Sicherheitstruppen gibt es verschiedene andere Gruppen von Sicherheitskräften, die im Straßenbild sehr präsent sind. Die Zivilgesellschaft stehe dem Militär misstrauisch gegenüber, denn zum einen hat sich die Sicherheit in der Region durch die Präsenz nicht bedeutend verbessert, zum anderen bringt diese neue Probleme mit sich.  Durch die hohe Arbeitslosigkeit und Armut der Zivilbevölkerung auf der einen, und den vergleichsweise gut bezahlten Soldaten auf der anderen Seite kommt es zu einem hohen Aufkommen von Prostitution. Familien arrangieren oft die Prostitution ihrer Töchter, im Falle einer Schwangerschaft müssen Sie mit den Folgen alleine zurechtkommen.  Das führt  zu großen gesellschaftlichen Konflikten. Die jungen Männer der Region sehen durch diese Praktiken das Militär als einen Gegner, welchen es zu bekämpfen gilt. Teilweise bilden sie Gruppen, um die Mädchen aus der Gewalt der Sicherheitskräfte zu befreien.

Frau Touré bedauert, dass es nicht  mehr Organisationen in der Region gibt, mit denen sie kooperieren können. Der Staat tauge als Partner nichts, denn er habe  kein Interesse daran die Situation zu verbessern.

Die Frauen der Region organisieren sich eher im politischen Kontext, was  auch notwendig ist. Organisationen, die Hilfe anbieten gibt es sonst kaum. 
An Ideen mangelt es Frau Touré und ihren Mitstreiterinnen nicht. So planen sie schon seit Jahren in der Region ein professionelles soziales Zentrum aufzubauen, an welches sich betroffene Frauen wenden können, um  Unterstützung zu bekommen. Doch die Finanzierung ist schwierig. Solange diese nicht steht, werden die Frauen weiterhin die vielen Probleme tagtäglich selbst angehen müssen.

Wir danken Frau Touré für das Gespräch, für ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen. Natürlich werden auch wir versuchen, sie mit Kontakten zu Organisationen und Netzwerken in ihrer Arbeit zu unterstützen.

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