10. April 2018

Zugänge schaffen, Diskriminierungen abbauen. wie?

Seit 2012 veranstaltet die Überparteiliche Fraueninitiative Berlin eine Kongressreihe unter dem Titel »Was ist Leistung?« und weist damit auf die fehlende oder zumindest ungenügende Anerkennung der Leistungen von Frauen in beruflichen, ehrenamtlichen und gemeinnützigen Tätigkeitsfeldern hin. 2017 lag der Schwerpunkt auf »Leistung von Migrantinnen in Deutschland – Rechte und Probleme. Was muss besser werden?« Die Tagungsdokumentation kann hier als pdf heruntergeladen werden.

 

Auszug aus der Podiumsdiskussion "Zugänge schaffen, Diskriminierungen abbauen. wie?"

Dr. Susanna Kahlefeld hält angesichts der zur Bundes ebene bereits zusammengetragenen Probleme eine Reform des Ausländerrechts für dringend notwendig. Sie ergänzt die nötige Verbesserung des Zeugenschutzsystems, das besonders für Frauen wichtig ist, die Opfer von Menschenhandel sind. Auch kann auf Bundesebene die Anerkennung von Abschlüssen vereinfacht werden. Frauen, die Qualifikationen mitbringen, leiden darunter, dass deren Anerkennung zu langsam und zu bürokratisch abläuft und die Regeln eher ausschließend als einschließend sind.

Zur Landesebene beginnt Kahlefeld mit der offensichtlich notwendigen Veränderung der Ausländerbehörde: Die ist bekanntlich ein »Angstraum« für Antragstellende und ein »Horror« für Arbeitgeber. Auch ist für Kahlefeld klar, dass die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen in Berlin nicht funktioniert: Die Zahlen der anerkannten Abschlüsse sind angesichts der vielen hochqualifizierten immigrierten Frauen in Berlin unangemessen gering. Das gilt insbesondere in den ›traditionell‹ von Frauen geprägten und gewählten Berufen (soziale und Pflegeberufe, Lehrerinnen), doch Kahlefelds diesbezüglich gestellte Anfrage bezog sich auf alle Herkunftsländer und Berufsbereiche (also auch auf osteuropäische und russische Naturwissenschaftlerinnen sowie EU- und US-Bürgerinnen). Das Problem ist leicht auf der  Landesebene auszumachen, doch es ist nicht leicht zu identifizieren, wo genau die Verbesserungsnotwendigkeiten sitzen. Die Anerkennung von Abschlüssen und Berufsqualifikationen ist wesentliche Grundlage für einen hiesigen Berufseinstieg, was wiederum ein entscheidender Faktor für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen unabhängig von Familie oder Ehemann ist. Die Einbindung von Migrantinnen-Selbstorganisationen in diese Anerkennungsprozedere hat sich als wirksam erwiesen. Zudem schult das IQ-Netzwerk die zuständigen Verwaltungen hinsichtlich Diversität, so dass diese auch ausländerrechtliche und Geschlechterfragen mitberücksichtigen. Hier kann sich noch einiges bessern, aber es passiert auch schon viel.

Kahlefeld wünscht sich zudem eine Verschiebung im gesellschaftlichen Diskurs: etwa hinsichtlich der Anerkennung und Stärkung der Rolle von Müttern (und Eltern allgemein) im deutschen, selektiven Bildungssystem, die aus anderen Schulsystemen kommen: »Ich will den Begriff ›Bildungsferne‹ für diese Frauen, die es schaffen, ihre Kinder durch diesen Dschungel zu kriegen, einfach nicht mehr hören.« Auch verdienen die bereichernden, von starken Frauen mitgebrachten Rollenbilder Anerkennung statt Abqualifizierung. Viele westdeutsch geprägte Frauen können von einigen der Selbstverständlichkeiten nur träumen, die Frauen z.B. aus Osteuropa mitbringen. Es geht hier nicht um das Kleinreden von Problemen, aber der allgemeine Defizitdiskurs schadet dieser Gesellschaft.

Abschließend weist Kahlefeld auf das Bündnis ›Wir machen das!‹ hin: ein Zusammenschluss von 100 Frauen aus Kunst, Wissenschaft und öffentlichem Leben, in dem neuangekommene und alteingesessene Menschen – vor allem Frauen – zusammenkommen. Kahlefeld zitiert aus deren mehrsprachigem Band Female Voices in Exile Yasmine Merei: »Die Feuer des Krieges durchquerten wir mit ihnen – mit den Stimmen, die wir nicht verloren haben – bis hin zu den Booten, die uns ins Nichts trugen, wenn wir ertranken, und in den Irrgarten, wenn wir gerettet wurden.« Kahlefeld: »Wir sind ein Irrgarten, wo die Frauen ankommen, wenn sie überlebt haben. Und ich wünschte mir sehr, sie würden nicht in einem Irrgarten ankommen, sondern sie würden hier an die Hand genommen und geschätzt mit all dem, was sie mitgebracht haben.«

Die Tagungsdokumentation kann hier als pdf heruntergeladen werden.

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